Weniger als vier Wochen bleiben bis zu den schwedischen Wahlen. Nach
aktuellen Zahlen
liegt die bügerlich-rechte “Allianz” knappe drei Prozent vor dem linken
Block, der allerdings insofern hypothetisch ist, dass die Linkspartei
auf 3.6% abgefallen ist und damit erst gar nicht ins Parlament einziehen
würde.
Vier Wochen sind zwar ausreichend, das Ergebnis zu kippen, aber im
Moment sieht es so aus, als ob Premier Göran Persson abgewählt würde.
Das könnte durchaus mit ihm selbst zu tun haben und ich habe Stimmen
gehört, die sich nach seiner über zehnjährigen Amtszeit vor allem einen
Regierungswechsel wünschen.

Der Iprenmann.
([Bildquelle](http://www.ipren.com/upload/Pdf/utveckling.pdf))
Werbung kann kulturschaffend sein. Pfizer hat in Schweden mit einer
Werbung für seine Schmerztablette Ipren genau
das getan – sie haben den Iprenmann erfunden.
Das Bild zeigt ihn in einer Zeichnung, in den Reklamfilmen wird er aber
von Johan Neumann gespielt. Da ist also dieses absurd gekleidete kleine
Männchen, das einen Menschen mit Kopfweh belästigt, ihm ein nerviges
Liedchen auf seiner Gitarre spielt und dabei aus der ersten Person der
intelligenten Schmerztablette singt.
Der Text geht folgendermaßen und weil darin direkt behauptet wird,
besser als ein Konkurrent zu sein, kam es zu einem Prozess, der jedoch
die Rechtmäßigkeit des Reklamtextes feststellte:
**Schwedisch**
**Deutsch**
Jag är Ipren – den intelligenta värktabletten
mot värk och feber är jag en effektiv en
smärtstillande, febernedsättande,ja Ipren, de’ e’ helt enkelt
intelligent.
Jag har anti-inflammatoriska egenskaper
bra mot muskelvärk, ryggvärk och ledvärk
En ipren 400 mg hjälper oftast bättre
än 2 receptfria tabletter med paracetamol
till exempel alvedon vid huvudvärk mensvärk och tandvärk.
Jag är Ipren – den intelligenta värktabletten!
Ich bin Ipren – die intelligente Schmerztablette
gegen Schmerzen und Fieber bin ich eine ganz effektive
schmerzstillend, fieberlindernd, ja Ipren, das is’ ganz einfach
intelligent.
Ich habe entzündungshemmende Eigenschaften
gut gegen Muskel-, Rücken- und Gelenkschmerzen
Eine Ipren 400 mg hilft meist besser
als 2 rezeptfreie Tabletten mit Parazetamol
zum Beispiel Alvedon bei Kopf-, Menstruations- und Zahnschmerzen
Ich bin Ipren – die intelligente Schmerztablette!
Jeder in Schweden kennt den Iprenmann und er wird entweder gehasst
oder für seine Absurdität geliebt. Der eigentliche Film sagt mehr als
ich hier schreiben kann und bevor ich den Witz weiter zerrede, schaut
ihn euch an:
Wer noch nicht genug hat, findet auf der
Ipren-Homepage
auch die anderen Reklamfilme mit dem Iprenmann, die liefen, seit er 1999
“erschaffen” wurde.
Wenn man bewusst hinhört, stellt man fest, dass Straßenlärm zum Großteil
aus dem Rollgeräusch der Reifen auf der Straße besteht. Was liegt also
näher als “leiser Asphalt” anstatt Schallschutzwänden?
Ein entsprechender
Versuch
(S) auf einer Autobahn bei Stockholm wird sehr positiv bewertet. Neun
Dezibel machen einen großen Unterschied und angeblich fühle man sich als
Autofahrer wie plötzlich in Wolle eingepackt, wenn man auf den leisen
Abschnitt kommt.
Technisch funktioniert das ganze durch eine zweilagige Struktur, die
Eigenschaften einer Drainage haben und den Schall aufnehmen.
Willkommener Nebeneffent ist, dass auch Wasser einfließen kann und zum
Fahrbahnrand geleitet wird. Das verringert Aquaplaning und verbessert
die Sicht bei Regen, weil es weniger Spritzwasser gibt.
Der Nachteil, wer hätte es gedacht, ist der Preis, sowohl im Aufbringen
als auch im Unterhalt. Deswegen wird es auf absehbare Zeit keinen
größeren Ausbau der leisen Strecken in Schweden geben. Holland ist da
schon weiter: 70% des Wegenetzes sind schon heute leise und bis 2012
soll der Rest nachgeholt werden.
Ein ganz toller Service: In und um einen Park mitten in Stockholm
(Kungsträdgården) wird man sehr bald umsonst drahtlos
surfen (E)
können. Die WiFi-Station soll 1Mbit Bandbreite haben und zunächst
vorübergehend aufgebaut werden. Ich denke und hoffe aber, dass das sehr
schnell ein Renner wird, nicht nur bei Einheimischen und Studenten, und
dass das Gebiet ausgeweitet wird.
Anonym surft man aber nicht: Man muss sich im Netzwerk einloggen und den
nötigen Zugangscode bekommt man, indem man eine SMS an eine bestimmte
Nummer schickt. Außer dieser SMS kostet das Surfen nichts.
Umzugsgrund ist das für mich allerdings keiner, schließlich habe ich
nicht einmal ein Handy. Außerdem habe ich in Uppsala vielerorts
drahtloses Internet durch das Stundentennetzwerk.
Im zweiten Weltkrieg hatten die Deutschen Norwegen eingenommen und
Trondheim zu einem wichtigen Stützpunkt erkoren. Zwei U-Boot-Werften
wurden errichtet. Die kleine Insel Munkholmen vor Trondheim liegt
strategisch gut und deshalb wurden sechs Kanonen darauf gebaut. Für mehr
Urlaubsbilder aus Trondheim von letzter Woche, bitte hier
entlang.
Es hat mit Schweden rein gar nichts zu tun, aber ich möchte darauf
hinweisen, dass ich z.Zt. in Prag bin und von der Konferenz der
International Astronomical Union
blogge. Wer also das Englisch nicht
scheut und sich für Astronomie interessiert, kann ja mal reinschauen.
Ich habe allerdings vorgearbeitet und Fiket wird während meiner
Abwesenheit nicht brachliegen. ;-)
Das Öffentlichkeitsprinzip ist zentral für das schwedische
Staatsverständnis. Es besagt, dass alle Dokumente (auch in
elektronischer Form), die einer Behörde oder einem Amt zukommen, und
alle von diesen erstellten Dokumente öffentlich sind und damit von
jedem Bürger einsehbar.
Der Zweck ist die Kontrolle des Staates durch seine Bürger, die diesen
errichtet haben, und das hat eine lange Tradition in Schweden. Schon im
16. Jahrhundert findet sich das Öffentlichkeitsprinzip und seit 1766
steht es im Grundgesetz. Zentral ist, dass Öffentlichkeit die Regel
ist, nicht die Ausnahme. Letztere gibt es, sie müssen aber begründet
werden und sind gesetzlich geregelt. Zum einen ist hier das
Datenschutzgesetz zu nennen, denn die Auskunftspflicht darf nicht die
Privatsphäre eines anderen verletzen. Dann gibt es noch das
Geheimhaltungsgesetz, das die Bereiche regelt, in denen man glaubt, dass
Geheimhaltung nötig ist (z.B. geheimdienstliche Aktivität).
Ein paar interessante Modalitäten in der Praxis:
Man hat das Recht, persönlich und ohne Gebühr Einsicht zu erhalten
und Abschriften oder Fotografien anzufertigen und auch das Recht auf
Zustellung von Kopien, dann aber eventuell gegen eine
festgeschriebene Gebühr.
Eine Anfrage muss eilig bearbeitet werden, natürlich im Rahmen
normaler Arbeitszeiten, und die Behörde muss so organisiert sein,
dass schnell Auskunft gegeben werden kann.
Der Fragende muss keinen Grund angeben und kann anonym bleiben.
Wenn eine Auskunft verweigert wird, muss stattdessen Information
bereitgestellt werden, wie man gegen die Entscheidung Einspruch erheben
kann.
Vorbereitende Arbeitsunterlagen und Diskussionen in Komitees sind nicht
automatisch öffentlich, sobald etwas archiviert wird, wird es das aber.
Selbst wenn eine Akte begründet als nicht öffentlich deklariert wird, so
darf zumindest deren Existenz nicht verschleiert werden. Es ist leicht
vorzustellen, wie stark dieser Grundsatz und er funktioniert auch
wirklich in der Praxis.
Offensichtliche Schwierigkeiten gibt es bei der Interaktion mit der EU,
der Schweden 1995 beitrat und die weit weniger offen ist. Dass
EU-Dokumente in Schweden automatisch öffentlich werden, passt nicht
allen Nachbarn. Im Beitrittsvertrag wurde dieses schwedische Grundrecht
aber bestätigt. Wie hier die Praxis aussieht, weiß ich leider nicht.
Zum Vergleich Deutschland mit seinem Amtsgeheimnis: Das Prinzip war bis
Anfang des Jahres genau umgekehrt und alles war zuerst einmal unter
Verschluß. Jetzt hat auch Deutschland sich ein
[Informationsfreiheitsgesetz](http://de.wikipedia.org/wiki/Gesetz_zur_Regelung_des_Zugangs_zu_Informationen_des_Bundes)
gegeben, aber die Einschränkungen sind ungleich höher als in Schweden.
Außerdem werden hohe Gebühren erhoben, was sogar eine
[Sammelstelle](http://www.befreite-dokumente.de/) für “befreite
Dokumente” nötig macht.
Abschließend bleibt zu sagen, dass Schweden zu Recht stolz auf sein
Öffentlichkeitsprinzip ist, dass es hohe Anforderungen an Staatsdiener
stellt und ungemein zum Vertrauen in den Staat beiträgt. Natürlich wird
nicht jeder Bürger regelmäßig Auskunft verlangen, aber die Möglichkeit
ist nicht nur prinzipiell, sondern auch real gegeben und wird nicht nur
von Journalisten genutzt.
Wer noch mehr wissen möchte, lese den [ausführlichen Artikel auf
sverige.de](http://www.sverige.de/lexi/lexi_oeff.htm).
Das Thema häusliche Gewalt erhitzt in Schweden regelmässig die
Gemüter. Frauenhäuser und andere Hilfseinrichtungen für die Opfer
verzeichnen einen unvermindert starken Zulauf. Doch, um der Gewalt
vorzubeugen, die meist von Männern ausgeht, muss mehr getan werden.
Diese Forderung erhebt nun eine staatliche Untersuchung.
Vielleicht trägt die eher auf Gemeinschaft als auf Individualismus
ausgerichtete Grundeinstellung Schwedens ja dazu bei, dass
gesellschaftliche Probleme nicht totgeschwiegen werden.
Die schwedische Piratenpartei (S), die
hier ja schon des öfteren Erwähnung fand,
hat internationale Nachahmer auf den Plan gerufen, darunter auch
Deutschland.
Ob sich daraus eine bleibende Bewegung entwickelt – die Grünen fingen ja
auch so an – wird sich zeigen. Wenn die schwedischen Piraten nicht
wenigstens einen Achtungserfolg bei den anstehenden Parlamentswahlen
erzielen, könnte sich auch schnell Ernüchterung breitmachen.
Andererseits ist der Vergleich mit den Grünen vielleicht gar nicht so
weit hergeholt, die Piratenpartei hat sogar schon mehr
Mitglieder
(E) als die schwedischen Grünen. Das Internet hat in wenigen Jahren mehr
Einfluss auf das Leben der Menschen gewonnen als Umweltschäden während
des Aufkommens der Umweltbewegung. Auch hier geht es um Parteien mit
thematisch begrenztem Programm, aber die Ausweitung auf allgemeinere
Fragen der Netzkultur und des Datenschutzes in einer vernetzten Welt ist
naheliegend. Auch hier geht es um Themen, die von den etablierten
Parteien stiefmütterlich behandelt werden, was für Unmut bei Menschen
sorgt, denen diese wichtig sind.