Helmpflicht für Radfahrer

In Schweden ist gerade eine Diskussion im Gange, ob man eine Helmpflicht für Fahrradfahrer einfrühen soll:

Bislang gilt eine Helmpflicht lediglich für Kinder unter 15 Jahren. Während die Zahl im Strassenverkehr getöteter Kinder seit Einführung der Helmpflicht gesunken ist, bleibt sie bei erwachsenen Radfahrern unverändert. Die Strassenverkehrsbehörde rechnet damit, dass der Anteil getöteter Radfahrer durch den Helmzwang halbiert werden kann.

Man könnte das als typisch schwedische Reglierungswut sehen und argumentieren, dass es die freie Entscheidung eines jeden ist, sich dem erhöhten Risiko auszusetzen. Andererseits gibt es keinen prinzipiellen Unterschied zur Gurtpflicht in Autos, die sich bewährt hat und weitläufig akzepiert ist. In beiden Fällen gibt es wohl bestimmte Arten von Unfällen, in denen Gurt oder Helm nachteilig sind, für den Großteil der Unfälle ist der Effekt jedoch positiv.

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Muttertag

In Deutschland war er ja schon am 14. aber hier in Schweden ist der Muttertag immer am letzten Sonntag im Mai, also heute. Glückwünsche an die, auf die es zutrifft.

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Wort der Woche: Bostadsrätt

Zur Miete leben oder ein eigenes Haus oder eine Eigentumswohnung besitzen – das sind die die Wohnmöglichkeiten, die es in Deutschland gibt. Bei einer Eigentumswohnung besitzt^1^ man auch wirklich den Teil des Hauses, zusammen mit einem Teil des Grundstücks, auf dem es steht.

In Schweden kann man natürlich auch Hauseigentümer sein oder in Miete wohnen, es gibt aber auch eine Mischform zwischen Miete und Eigentum, das sogenannte Bostadsrätt, zu Deusch Wohnrecht. Große Wohnhäuser in Städten gehören in der Regel Gesellschaften (Bostadsrättsföreningar) und um in einer solchen Wohnung zu leben, muss man das Wohnrecht kaufen. Die Preise variieren stark je nach Lage und Beschaffenheit der Wohnung, liegen aber auf dem Niveau von Eigentumswohnungen und somit ohne weiteres in Millionenhöhe^2^.

Das Bostadsrätt kauft man (über Makler) vom Vorbesitzer, es ist also Handelsware und unterliegt den Schwankungen des Wohnungsmarktes. Wenn man ein Wohnrecht gekauft hat, hat man genau das, nämlich das Recht, dort unbegrenzt zu Wohnen. Man zahlt aber trotzdem noch Miete an die Gesellschaft, der die Immobilie gehört. Davon werden ein Teil der Nebenkosten (in der Regel Wasser, Müll, Heizung) und der Unterhalt des Hauses abgedeckt, also z.B. auch der Hausmeister. Diese “Mieten” sind geringer als in einer gleichwertigen Mietwohnung, liegen aber über den laufenden Kosten einer ähnlichen Eigentumswohnung in Deutschland.

Bisher sind “richtige Eigentumswohnungen” wie in Deutschland üblich hierzulande nicht erlaubt. Viele haben keine andere Wahl als ein Wohnrecht zu kaufen, weil ein sehr viele Stadtwohungen Bostadsrätter sind und man auf Mietwohnungen oft lange in der Warteschlange stehen muss.

Der Vorteil des Wohnrecht gegenüber Eigentumswohnugen ist, dass man sich nicht selbst um Reparaturen und dergleichen kümmern muss und auch sonst liegt die Verantwortung für alles, was nicht nur die eigene Wohnung betrifft bei der Genossenschaft. Dort hat man auf der Jahresversammlung Stimm- und Motionsrecht und kann so Einfluss nehmen. Andererseits muss man Entscheidungen des (aus den Eignern gewählten) Vorstandes auch akzeptieren und so kann es passieren, dass man auch größere Reparaturen über sich ergehen lassen muss.

In der Regel nimmt man für den Kauf eines Wohnrechts natürlich einen Kredit auf und solange die die Preise kontinuierlich steigen, macht man beim Verkauf nach einigen Jahren einen Gewinn. Wenn man es durchrechnet, kann es durchaus sein, dass die Zinsen plus Abgabe an die Genossenschaft in der Summe geringer sind als eine vergleichbare Mietwohnung, so dass sich der Kauf auch lohnt, wenn man (bis zum Wiederverkauf) gar nichts vom Kredit zurückzahlt.

Es ist finde ich ein wichtiger Vorteil für den Markt, dass durch dieses System der einzelne Wohnungseigentümer an weniger denken muss. Das Kaufen und Verkaufen wird einfacher, was den Markt belebt. Natürlich geht es in der Summe um sehr viel Geld und Maklerbüros gibt es zuhauf.

Die wohl größte Einschränkung bei Wohnrechten ist, dass man nicht weitervermieten darf. Man muss sein Wohnrecht selbst nutzen. In Ausnahmefällen, zum Beispiel wenn man vorübergehend ins Ausland geht, kann man beim Genossenschaftsvorstand die Erlaubnis zum Untervermieten einholen.

-Ich wohne zur Miete in einer Siedlung mit Studentenwohnungen und finde Bostadsrätter immer noch etwas seltsam.-

Ich habe obigen Text gerade (090501) leicht überarbeitet, weil ich mittlerweile selbst ein solches Wohnrecht besitze.

[1] Es gibt ja einen Unterschied zwischen besitzen und Eigentümer sein, aber ich verwende in diesem Artikel ersteres in der Bedeutung des letzeren, aus Gründen der Einfachheit und weil es zu Eigentum kein gutes Verb gibt.

[2] Eine Krone sind etwa 11 Euro-Cent.

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Die gegenwärtige schwedische Regierung

Wie angekündigt will ich bis zur Wahl im Herbst, die schwedische Politik etwas näher durchleuchten und heute ist die aktuelle Regierung dran.

Die letzte Parlamentswahl war 2002 und wegen der 4%-Klausel kamen folgende Parteien in den Riksdag:

  • 39,9% für die Sozialdemokraten
  • 15,3% für die Moderaten (konservativ)
  • 13,4% für die Volkspartei (liberal)
  • 9,1% für die Christdemokraten (noch konservativer)
  • 8,4% für die Linkspartei
  • 6,2% für die Zentrumspartei
  • 4,6% für die Grünen

    Es sind also zwei Parteien mehr im Parlament als in Deutschland und die Parteiengrenzen decken sich auch nur teilweise. Ein weiterer Unterschied ist, dass die jetzige Regierung nicht aus einer Koalition von Parteien gebildet wird, sondern eine [Minderheitsregierung](http://de.wikipedia.org/wiki/Minderheitsregierung) der Sozialdemokraten ist, die von der Linkspartei und den Grünen im Parlament unterstützt wird. Mit diesen Stimmen wurde [Göran Persson](http://de.wikipedia.org/wiki/G%C3%B6ran_Persson) (sprich: Jöran Pärschon) 2002 erneut vom Parlament zum *Statsminister* (Premierminister) gewählt und konnte die Regierung ernennen, in der die Hälfte der Ministerposten von Frauen besetzt sind. Persson feierte vor Kurzem sein 10-jähriges Jubiläum als Premierminister und tritt auch zur kommenden Wahl an. Die Minister und höheren Posten haben in dieser Zeit zu häufig gewechselt, als dass ich das hier ausführen möchte, aber die Wikipedia [bietet einen Überblick](http://sv.wikipedia.org/wiki/Regeringen_Persson) (S). Einschneidende Ereignisse waren ohne Zweifel die Ermordung der sehr beliebten Außenministerin [Anna Lindh](http://de.wikipedia.org/wiki/Anna_Lindh) 2003 und der Tsunami in Südostasien Ende 2004. In diesem kamen über 500 Schweden um, in absoluten Zahlen etwa so viele wie Deutsche, im Anteil an der Bevölkerung jedoch neun Mal so viele. Während die deutsche Regierung mit ihrem Krisenmanagment an Popularität gewann, verschlief die schwedische den Anfang und musste viel Kritik einstecken. Die Diskussionen und Medienberichte darüber hielten bis vor Kurzem an und waren meiner Ansicht nach ein gutes Beispiel dafür, welch hohe Anforderungen, Schweden an ihren Fürsorgestaat stellen – auch in Bereichen, die man üblicherweise als persönliches Risiko betrachten würde.
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Werbung mit Deutschlandklischees

schuhplattler
Siba, das schwedische Pendant zum Media Markt, versucht gerade, den Leuten Großbildfernseher zur Fußball-WM anzudrehen. Die Werbespots, die hier im Fernsehen laufen, kann man auch online anschauen:

  • [Film 2](http://www.siba.se/archive/Movies/film2.wmv)

    Darin wird das platteste aller Klischees breitgetreten: Man sieht Menschen in Lederhosen und Trachten, die zu Volksmusik tanzen. Nach einer Weile sagt ein Sprecher > Es gibt viele Gründe, nicht nach Deutschland zu fahren. Kauf deinen > Fußballfernseher bei Siba und bleib zu Hause. Zur Untermauerung dieser Aufforderung, versprechen sie, dass man sein Geld zurückbekommt, falls Schweden die WM gewinnen sollte. Das ganze könnte man als Beleidigung verstehen, wenn man nicht wüsste, dass sich die Schweden sehr wohl bewusst sind, wie albern dieses Bild von Deutschland ist. So ist es aber einfach nur lustig. Einen Artikel mit mehr Klischees, die in Schweden über Deutsche kursieren, gibt es [hier](http://www.fiket.de/2006/05/30/schweden-ueber-deutsche/).
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Erdbeben in Stockholm

Letzte Nacht gab es ein kleines Erdbeben in Stockholm (S). Es hatte Stärke 2 auf der Richterskala und war wohl recht nah an der Oberfläche, so dass es sich als deutlich spürbare Erschütterung und als lauter Knall mit klirrenden Fenstern bemerkbar machte. Daraufhin liefen die Notrufleitungen heiß und die Polizei rückte aus, um die Explosion zu suchen, für die die Anrufer den Knall hielten. Zu schaden kam keiner.

Nachtrag 081216: Zum Erdbeben heute morgen in Südschweden hier entlang.

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Lauschangriff in Schweden

In Deutschland gibt es den Großen Lauschangriff seit 1998 (Verfassungsänderung, Rücktritt von Sabine Leutheusser-Schnarrenberger, Urteil des BVerfG von 2004) und in Schweden ist man gerade dabei, etwas Ähnliches einzuführen.

Die Einzelheiten stehen wohl noch nicht fest, aber zumindest soll man im Nachhinein informiert werden (S), wenn man abgehört wurde – ein Recht, das es meines Wissens in Deutschland nicht gibt und sicher erheblich zur Transparenz beitragen wird.

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Als Raucher in Schweden

Da der Verkauf von Zigaretten an Minderjährige schon lange verboten ist, gibt es konsequenterweise keine Zigarettenautomaten in Schweden. Seit ziemlich genau einem Jahr ist in Schweden per Gesetz das Rauchen in allen Kneipen und Restaurants verboten. Kaum einer hat sich darüber aufgeregt und viele, mich eingeschlossen, haben sich damit abgefunden und finden es gut, dass man nach einem Abend im Pub nicht nach Rauch stinkt.

Als Raucher finde ich es aber natürlich schon unpraktisch und mochte die alte Regelung vieler Pubs besser, bei der es Raucher- und Nichtraucherbereiche gab. Nur wenige Stellen haben ein kleines Raucherzimmer, das besonders belüftet sein muss und in das man sein Getränk nicht mitnehmen darf.

Solange es warm genug ist, gibt es natürlich einen Ausweg: im Freien sitzen. Durch die strengen Alkoholgesetze ist auch das sehr reglementiert und es darf nur in abgegrenzten Bereichen serviert werden, aber immerhin. Ich habe nicht nachgezählt, aber ich glaube, dass eine ganze Reihe Cafés und Bars auf die Straße expandiert haben, seit es das Rauchverbot gibt. :-)

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Bundestagsvizepräsidentin in Stockholm

Aus einer Pressemitteilung des Bundetags:

Die Vizepräsidentin des Deutschen Bundestags, Gerda Hasselfeldt, reist am Montag zu einem mehrtägigen Besuch in die schwedische Hauptstadt Stockholm. Sie informiert sich dort über die aktuellen Entwicklungen der schwedischen Frauen-, Familien- und Bildungspolitik. Im Mittelpunkt der Gespräche stehen die Themen Elterngeld, die Integration von Ausländern, die Vereinbarkeit von Familie und Beruf, der Frauenanteil in Leitungsfunktionen und die derzeitige Situation an den schwedischen Ganztagesschulen. [...] Das Besucherprogramm sieht unter anderem den Besuch eines Kindergartens mit dem Schwerpunkt Sprachentwicklung (Schwedisch als zweite Muttersprache) in einem Stadtteil mit hohem Ausländeranteil vor.

In vielen dieser Bereiche sagt man, dass sie in Schweden besser funktionieren als in Deutschland. Bei der Frauen- und Familienpolitik stimmt das sicherlich, bei der Bildung bin ich da eher skeptisch, weil die Anforderungen immer weiter gesenkt werden. Über die Integration von Ausländern weiß ich zu wenig…

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Wort der Woche: Kubb

Das schwedische Wort Kubb kann vielerlei bedeuten:

  • Der runde Hut, die Melone, heisst im Schwedischen Kubb.
  • Mandelkubb ist ein harter Mandelkuchen.
  • Huggkubb bedeutet Hackklotz.
  • Ein spezieller Laib schweres Brot wird auch Kubb genannt.

Generell kann also viel, das klotzartig ist, mit kubb bezeichnet werden und vielleicht ist Klotz auch die beste allgemeine Übersetzung. Kubb ist auch ein in Schweden sehr beliebtes Spiel für den Sommer und wird im Freien gespielt, oft auf Wiesen während eines Grillfestes. Es ist ein Geschicklichkeitsspiel und geht darum, mit kurzen Holzstöcken, die Holzklötze der Gegenseite umzuwerfen. Das klingt zuerst einmal sehr simpel und wenig spannend, wird aber durch die Regeln erst interessant, die wie folgt aussehen.

Das Spielfeld ist rechteckig und die Grundlinien der beiden Seiten sind zwischen 6 und 10 Metern auseinander. Auf den beiden Grundlinien stehen zu Beginn jeweils 5 Klötze aufrecht, die Kubbar, nach denen das Spiel benannt ist. In der Mitte des Feldes steht ein größerer Klotz, der König. Die Mannschaften werfen abwechselnd mit 6 Stöcken auf die Klötze auf der gegnerischen Grundlinie und versuchen, sie umzuwerfen, ohne dabei den König zu treffen. Die umgeworfenen Klötze kommen nicht aus dem Spiel, sondern werden von der gerade beworfenen Mannschaft in die gegenüberliegende Spielhälfte geworfen und dort aufgestellt, wo sie gelandet sind. Bevor diese Mannschaft jetzt ihrerseits auf die Klötze der gegnerischen Grundlinie werfen darf, muss sie zuerst diese Klötze umlegen.

Beim Platzieren der Klötze, die einem gerade umgeworfen wurden, versucht man, diese so nah wie möglich in die gegnerischen Hälfte zu werfen, damit sie leichter zu treffen sind. Wenn man es außerdem schafft, dass die geworfenen Klötze einander treffen, werden diese aufeinander gestellt – eine weitere Erleichterung beim Treffen. Wenn eine Mannschaft es in ihrer Runde nicht geschafft hat, die wieder aufgestellten Klötze alle umzuwerfen, dürfen die Gegner das nächste Mal von Höhe des vordersten Klotzes in ihrer Hälfte werfen, anstatt von der Grundlinie.

Dieser Prozess, in dem die Klötze hin und her wandern ist unten in einer Skizze illustriert und kann sich recht lange hinziehen, je nach Geschicklichkeit der Mannschaften. Selbst wenn eine Mannschaft die Gegenseite fast geleert hat, kann sich das Blatt schnell wenden, wenn der Gegner eine glückliche Runde schafft und mehrere der näherstehenden umlegt. Wenn eine Mannschaft alle Klötze auf der Gegenseite getroffen hat, darf sie mit den übrigen Stöcken der gleichen Runde auf den König werfen. Fällt dieser, hat die werfende Mannschaft gewonnen.

Die Feinheiten der Regeln von Kubb weichen oft voneinander ab, aber es ist ja kein sehr ernstes Spiel, sondern lädt durch die Einfachheit und die beliebige Anzahl Spieler zum spontanen Spielen ein. Die Schnelligkeit lässt sich auch ganz einfach variieren, indem man die Grundlinien näher oder weiter voneinander aufbaut. Kubbspiele gibt es fertig zu kaufen, anstatt dieser wohlgeformten Klötze und Wurfstöcke kann man sich aus Holzresten aber auch recht einfach einen eigenen Satz basteln.

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