Wort der Woche: Lagom

“Lagom” ist eines der wichtigsten schwedischen Wörter überhaupt und gleichzeitig eines der schwedischsten. Es bedeutet in etwa “angemessen” oder “genau richtig (viel)” und kommt meist im Zusammenhang mit Mengenangaben vor. Schweden sind oft maßvoll, wenn man ihnen etwas anbietet und wollen weder zu viel noch zu wenig – eben lagom viel.

“Lagom” als Antwort auf eine Frage zu bekommen, ist für den Frager natürlich nicht einfach und kann sehr frustrierend sein. Schließlich ist es letztenendes eine inhaltslose Anwort, denn wenn der Frager wüsste, was der Gefragte für angemessen hält, bräuchte er nicht zu fragen.

Das Wort ist eine alte Dativ-Form (heute gibt es keine Kasus mehr im Schwedischen) von “Lag”, das sowohl “Gesetz” als auch “Mannschaft” oder “Gemeinschaft” bedeutet. Eine ursprünglichere Überzetzung wäre demnach “für die Gemeinschaft”, also soviel, dass es für alle reicht und damit gut für die Gemeinschaft ist. Eine volkstümliche nicht ganz korrekte Erklärung der Herkunft von “lagom” behauptet, es käme aus der Zeit, wo alle im Saal aus dem selben Krug tranken und aus dem selben Topf aßen, so dass es angemessen war, soviel zu nehmen, dass es für eine Runde reicht. Es wird also die Dativendung ”-om” mit der Präposition “om” (zu deutsch “herum”) verwechselt, aber es läuft natürlich auf die gleiche Bedeutung hinaus, in der es ja auch heute noch verwendet wird.

Wenn man will, kann hinter “lagom” auch einen sozialistischen Grundgedanken vermuten, es spiegelt nämlich eine gewisse Einstellung wider, dass “lagom”, also das Mittelmaß, das nicht aus der Norm ausbricht, als durchweg positiv empfunden wird. Es ist natürlich grob pauschalisiert, aber ich habe beobachtet, dass Schweden generell weniger darauf aus sind, sich von der Masse abzuheben, als beispielsweise Deutsche. “Lagom” ist die sprachliche Personifikation der Lebensphilosophie, damit glücklich zu sein, dass man nicht besser ist oder mehr hat als der Nachbar.

Hierin ergibt sich auch der Zusammenhang mit dem Jantelagen, über das ich in zwei Wochen an dieser Stelle schreiben werde. Nächste Woche ist nämlich Valborg. Das “Wort der Woche” auf Fiket.de erscheint übrigens jeden Sonntag kurz nach 10 Uhr.

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Gänsestart

Gänse beim Start

Gänse beim Start, aufgenommen am Dalkarkärret, 22. 4. 2006. Eine größere Version und andere Bilder gibt es in meiner Frühlingsgalerie.

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Schweden-Klischees und FAQ

In Deutschland und auch anderswo gibt es bestimmte Dinge, die man mit Schweden assoziiert und man bekommt auch oft die gleichen Fragen gestellt, wenn man erzählt, dass man in Schweden lebt. Um einige Klischees also gleich aufgegriffen und damit erledigt zu haben, solange dieses Blog noch jung ist, kommt hier meine persönliche Schweden-FAQ.

Schon einem Elch begegnet? Ja, im Zoo. Und auf dem Teller.

Ist es kalt im Winter? Ja.

Und dunkel? Ja, aber hier in Uppsala hat man auch Ende Dezember noch einige Stunden Tageslicht.

Gibt es da Nordlichter? Jein. Um gute Chancen auf Nordlichter zu haben, muss man weiter nördlich fahren. Ich hatte aber auch schon einmal das Glück hier auf dem 60. Breitengrad.

Sind alle Schwedinnen blond? Nein! Ich bin nicht einmal davon überzeugt, dass der Anteil blonder Menschen in der Bevölkerung höher ist als in Deutschland.

Die Schwedinnen sind alle so toll! Hmmm. Ja, mindestens eine.

Was ist Surströmming und wie schmeckt das? Surströmming sind -vergammelte- vergorene kleine Heringe, die sehr übel riechen, wenn man die Dose aufmacht. Schmecken nicht sonderlich gut. Salzig. Es ist vor allem eine ziemliche Fummelei, den winzigen Fischen etwas Essbares abzuringen.

Wie groß ist Schweden eigentlich? Etwa 20% größer als Deutschland, das aber zehn Mal so dicht besiedelt ist. Uppsala ist mit lächerlichen 180.000 Einwohnern die viertgrößte Stadt des Landes.

Sind die Schweden so zugeknöpft wie man sagt? Im Allgemeinen schon etwas mehr als Deutsche, aber die individuellen Unterschiede sind groß, weswegen es kein Problem sein dürfte, einen Schweden zu finden, der lockerer ist als ein zufällig ausgewählter Deutscher.

Gibt es Fettnäpfchen, in die man als Deutscher gerne tritt? Mehr als man denkt, man ist aber meist zu höflich, darauf hinzuweisen. Ein paar Beispiele:

  • Schuhe beim Betreten einer fremden Wohnung nicht ausziehen.
  • Einen Kuchen ohne Aufforderung anschneiden oder mehr als sein eigenes Stück schneiden.
  • “Smaklig Måltid” (“Guten Appetit”) sagen, wenn man nichts zum Essen beigetragen hat.
  • Eine Ansicht hart verteidigen. Über die schwedische Diskussionskultur zu schreiben steht auf meiner Liste, kommt also bald.

    **Wie war das mit dem Alkohol in Schweden?** Der Staat hat ein Monopol auf den Verkauf aller Getränkte mit mehr als 3.5% Alkohol. Deswegen bekommt man im Supermarkt nur Bier mit 3.5% und alles andere, also “richtiges Bier”, Wein oder Spirituosen muss man im *Systembolaget*, den staatlichen Alkoholläden, kaufen. Abgesehen davon ist die Alkoholsteuer sehr hoch, was Leute in Südschweden nach Dänemark oder Deutschland zum Einkaufen fahren lässt und auch dafür sorgt, dass das Schwarzbrennen hierzulande nie ganz ausgestorben ist. **Trinken Schweden viel?** Rein statistisch nein! Der Konsum pro Kopf und pro Jahr liegt unter dem in Deutschland. Ich habe aber gleich zwei Erklärungen für dieses Gerücht: Erstens ist Alkohol für Schweden im Ausland (also z.B. in Deutschland) *immer* billig. Das wird dann auch gerne ausgenutzt und kann dazu führen, dass dieses Zerrbild der immertrinkenden Schweden entsteht. Desweiteren ist die Trinkkultur eine andere und zwar insofern, dass man im Alltag eher nichts trinkt, also keine täglichen Biere oder Wein zum Essen. Wenn man aber ausgeht, kann es ordentlich zur Sache gehen und dies sind natürlich die prägenden Ereignisse, die man als Außenstehender im Gedächtnis behält. Aber auch diese Aussage ist globalisiert und nur noch halb wahr, denn die Schweden werden “kontinentaler”, womit ich meine, dass das regelmäßige Glas Wein zum Essen üblicher geworden ist. *Nachtrag*: Die Gegenseite wird im Artikel [*Schweden über Deutsche*](http://www.fiket.de/2006/05/30/schweden-ueber-deutsche/) betrachtet.
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Wort der Woche: Hockeyfrilla

Mit “Hockeyfrilla” wird hier in Schweden die typische Frisur der 80er-Jahre bezeichnet, bei der nur die Nackenhaare lang sind und der Rest kurz. Das Wort setzt sich aus “Hockey”, der Sportart, die hier populärer ist als Fußball, und “Frilla” zusammen. Letzteres ist hier nicht die altertümliche Bezeichnung für “Geliebte”, die man im Wörterbuch findet [1], sondern ein umgangssprachlicher Ausdruck für “Frisur”. “Hockeyfrilla ” bedeutet also Hockeyfrisur und das kommt angeblich (S) daher, dass sich langhaarige tschechische Hockeyspieler aus praktischen Gründen die Haare so schnitten.

Meine eigene Theorie ist aber eine andere: “Hockeyfrilla” klingt einfach zu sehr nach dem schönen deutschen Wort für diese Frisur, an der man gelegentlich auch heute noch Deutsche erkennt: Vo-ku-hi-la, die Kurzform für Vorne-kurz-hinten-lang. Es reicht, die Anfangskonsonanten der Silben (also V und H) auszutauschen, wie es beim spielerischen Umgang mit Sprache oft vorkommt, und schon ist man fast bei der “Hockeyfrilla”.

[1] Dort fand ich auch das alte Wort Kebsweib, das ich nicht kannte, aber in Texten aus dem 16. Jahrhundert auftaucht:
bq. der, so kein eheweib hat und … an einer ehefrauen stat ein kebsweib hat, der sol nicht vom sacrament abgetrieben werden, doch das er an einem weibe sich benügen lasse.

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Die schwedische Steuererklärung

Ich weiß, dass mich gleich ganz viele aus Deutschland beneiden werden, wenn ich erzählte wie einfach man hierzulande seine Steuererklärung macht. Es hat mich etwa drei Minuten gekostet und ging folgendermaßen:

  • Vor ein paar Wochen schickte mir der Arbeitgeber (in meinem Fall die Uni) eine Kontrollseite, auf der steht, wieviel Lohn ich im letzten Jahr bekommen und was ich an Steuern gezahlt habe.
  • Jetzt kam die Post vom Finanzamt, in der die Steuererklärung fertig ausgefüllt ist. Man kann darin kontrollieren, ob die Zahlen mit denen von Arbeitgeber übereinstimmen.
  • Wenn alles stimmt, braucht man die Erklärung nur abzunicken und das geht per Telefon, SMS oder Internet. Einmal-Passwörter dazu hat man mit der Post mitbekommen.
  • Man hat per Internet mit dem Einmal-Passwort auch gewisse Möglichkeiten, zusätzliche Informationen anzugeben (z.B. Fahrtkosten), aber um auf alle Posten Zugriff zu haben, braucht man einen E-Ausweis, der mehr Sicherheit bietet und von Banken bereitgestellt wird. Ganz altmodisch den Bogen auszufüllen und per Post zurückzuschicken, ist natürlich immer noch möglich.
  • Der letzte Schritt meiner Internet-Deklaration war, zu überprüfen, ob die Bankverbindung vom letzten Jahr noch stimmt, damit mir der Differenzbetrag (in meinem Fall genau *eine* Krone) überwiesen werden kann.

    Diesen Text zu tippen hat etwa drei Mal so lange gedauert, wie meine Steuererklärung abzugeben. Ich muss auch endlich einmal das angeblich existierende Steuerverzeichnis suchen, in dem man nachschlagen kann, was jeder Schwede an Steuern zahlt.
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Was essen Schweden zu Ostern?

Auch wenn das Essen zu Ostern keine so große Sache ist wie der überaus wichtige Julbord, das Weihnachtsessen, so wird doch mehr und größer gekocht an diesem Wochenende. Glaubt man diesem Artikel (S), so gibt es recht große regionale Unterschiede im Speiseplan, allerdings mit starken Veränderungen von Jahr zu Jahr. Heuer ist es also

  • Lamm in Schonen,
  • Lachskaviar in der Hauptstadt,
  • Gebratene Wurst im Westen,
  • Süßigkeiten an der Ostküste,
  • Eier im Norden,
  • und Påskmust überall außer im Süden.

    “Påskmust” ist (bis aufs Etikett) das gleiche wie “Julmust”, eine Art süße, dunkelbraune Limonade mit eigenwilligem Geschmack. Seit langem gehen zu Weihnachtszeit die Coca-Cola-Verkäufe in dem Keller – zugunsten des Julmust – und da sich der Hersteller nicht kaufen ließ, versucht Coca-Cola, mit einer eigenen Marke Fuß zu fassen. Süßigkeiten gibt es natürlich auch überall zu Ostern, aber in weniger übertriebenen Mengen, als ich das aus Deutschland kenne. Ostereier sind oft aus Pappe, liegen in der Größe zwischen Hühner- und Straußenei und sind in der Mitte teilbar, damit man an die Süßigkeiten darin kommt. Frohe Ostern!
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Osterhase

Osterhase

Aufgenommen letzten Juli im Håga-Tal, Uppsala.

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Vor Werbepausen Filmemacher fragen

Der schwedische Fernsehsender TV4 wurde von Filmemachern erfolgreich verklagt (S), weil er ihren Film mit Werbeunterbrechungen zeigte, und damit ihr Urheberrecht verletzte.

Auch wenn man der Meinung ist, dass ein Künstler selbst bestimmen sollte, was mit seinem Werk geschieht, muss man sehen, dass nur wenige Künstler unabhängig genug sind, dies auch auszuüben. Filme, die nicht mit Werbung zerstückelt werden dürfen, sind für Fernsehsender weniger interessant. Deshalb bezweifle ich, dass dieses Urteil einen großen Einfluss auf die Fernsehlandschaft hat, außer vielleicht, dass die Erlaubnis für Reklame künftig explizit in den Senderechtekaufverträgen steht.

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Schweden wollen Kernkraft

Dagens Nyheter schreibt (S, Übersetzung von mir):

Unter Schweden ist der Rückhalt für die weitere Anwendung und den Ausbau an Kernenergie größer denn je. Jeder zweite Schwede will heute die Kernkraft langfristig beibehalten. [...] Jeder sechste ist sogar für deren Ausbau.

Und das obwohl Tschernobyl auch hier ein einschneidendes Ereignis war. Argumente wie die “Sauberkeit” (kein CO2-Ausstoß) der Kernkraft hört man recht häufig. Wenn ich mich recht erinnere, sind Atomkraftwerke aber nur wegen der massiven staatlichen Subventionen rentabel und das Abfallproblem ist immer noch ungelöst. Schwedens hoher Anteil an Wasserkraftwerken, die sich vor langen amortisiert haben und beinahe kostenlos Strom produzieren, stehen wiederum in einem schlechteren Licht, als man das von “alternativen Energien” erwaren würde. Sie stellen nämlich einen nicht geringen Eingriff in die natürlichen Wasserläufe dar und aus Naturschutzgründen wird nach meinem Wissen die Wasserkraft an schwedischen Gebirgsflüssen nicht weiter ausgebaut.

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Wort der Woche: Vårvinter

“Vårvinter” ist schlicht eine Zusammensetzung von “vår”, Frühling, und “vinter”. Es bedeutet also Frühlingswinter und bezeichnet die Zeit im März und April, wenn der Winter eigentlich vorbei und der Schnee fast ganz weggetaut ist, die Tage wieder eine vernünftige Länge angenommen haben — das erste Grün aber noch auf sich warten lässt und es gelegentlich sogar noch schneit.

Jetzt ist gerade Vårvinter hier in Uppsala.

Ich finde, dass das die wettermäßig schlechteste und häßlichste Zeit des Jahres ist, v.a. weil man weiss, dass dieses Grau und diese Tristesse noch einige Wochen anhalten wird, bis endlich im Mai der Frühling ausbricht und die Bäume ausschlagen. Freude auf den Frühling nach dem langen Winter stellt sich also nicht ein, denn man weiß: Es dauert noch. Der Vårvinter übertrifft für mich sogar die Dunkelheit im Winter an Irritationspotential, denn hier auf dem 60. Breitengrad hat man auch dann immerhin noch einige Stunden Sonnenlicht und der Schnee hilft, diese auch wirklich als hell zu empfinden.

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