Am Samstag war es dann endlich soweit. Håkan Juholt, seit letzten April Parteichef der schwedischen Sozialdemokraten, ist zurückgetreten, nachdem die Diskussionen um ihn und seine Fehler nicht abrießen und die Partei immer mehr in Mitleidenschaft zogen. Von Woche zu Woche sanken die Umfragewerte auf immer neue historische Tiefstände, zuletzt unter 25 Prozent.
Die Affäre um die Wohnungszuschüsse hat sicherlich zum Vertrauensverlust in Juholt beigetragen, aber der Tropfen, der schließlich das Fass zum überlaufen brachte, war ein weiterer Juholtare. Dieses Wort hat es in die Liste der neuen Worte des vorigen Jahres geschafft und bedeutet förhastat uttalande som man snart tvingas backa på, also eine übereilte Aussage, die man bald darauf zurücknehmen muss. Die letzte solche in einer langen Reihe machte Juholt in einer Rede zur Verteidigungspolitik, die eigentlich seine Stärke darstellte; er saß jahrelang im entsprechenden Ausschuss. Juholt behauptete, die Regierung habe zusammen mit den Schwedendemokraten – wir erinnern uns: die rechtsextreme Partei sitzt seit der letzten Wahl im Reichstag und die Regierung hat dort keine eigene Mehrheit – die Reform der schwedischen Streitkräfte durchgesetzt. In Wirklichkeit geschah dies vor der letzten Parlamentswahl.
Ob solche Fehler oder widersprüchliche Aussagen zu Libyen-Einsatz, Schatten-Budget oder EU-Stabilitätspakt Juholts Rücktritt objektiv rechtfertigten, ist schwer zu beurteilen. Unbestritten ist, dass Juholts Hin und Her, Entschuldigungen und Zurückrudern zur unendlichen Geschichte wurden und in der Öffentlichkeit zu Juholts Markenzeichen. Ich kann mir vorstellen, dass so etwas schwer zu reparieren ist.
Eine weitere Person hat übrigens ihren Namen in den Neologismen hinterlassen: Nach Terje Hellesø bedeutet das Verb terja, ein Foto in betrügerischer Absicht zu manipulieren.
Dieses Jahr gibt es (mindestens) zwei 100-jährige Jubiläen, die auf diversen Plakaten schon an mir vorbeigehuscht sind. Zum einen ist 1912 das Jahr, in dem August Strindberg starb.
Zum anderen fanden 1912 in Stockholm die olympischen Sommerspiele statt:
Nach zum Teil chaotischen Verhältnissen während der Olympischen Spiele von 1900, 1904 und 1908 setzte Stockholm den Maßstab für die zukünftigen Austragungen. Erstmals kamen elektronische Zeitmessung und Zielphotographie zum Einsatz.
Kuriosa:
Der Japaner Shisō Kanaguri kam beim Marathon, der bei extremer Hitze stattfand, an einem Haus vorbei, dessen Bewohner ihm anboten, etwas zu trinken und sich kurz auszuruhen. Nachdem er seinen Durst gelöscht hatte und sich niederlegte, schlief er augenblicklich ein, so dass bis zum nächsten Tag niemand wusste, wo er geblieben war. 54 Jahre später wurde er nach Schweden eingeladen und beendete seinen Lauf von der Stelle an, an dem er ihn abgebrochen hatte.
Den fünften Platz im modernen Fünfkampf belegte der spätere US-General George S. Patton.Der deutsche Fußballspieler Gottfried Fuchs schoss in einem Spiel 10 Tore und hält damit bis heute den [deutschen] Rekord.
Unter anderem wird dieses Jahr ein Jubiläumsmarathon stattfinden, der die damalige Strecke von Sollentuna im Norden der Stadt bis ins Stadion nachläuft. Letzteres wurde natürlich ebenfalls zum Anlass der Spiele gebaut.
(Seltsam. Ich musste eben zweimal nachschlagen, bis ich glaubte, dass sich das nicht Jubileum schreibt, wie hierzulande.)
Nachtrag: Dann wäre da noch Raoul Wallenberg, der heuer hundert geworden wäre.
Neulich gelernt: Das Wort Moped, das von vielen Sprachen übernommen wurde, entstammt der Phantasie des schwedischen Journalisten Harald Nielsen, der Motor und Pedal zusammensetzte.
Kopiere und teile! Alles Wissen für alle! Das was Technik und Naturgesetze erlauben, soll nicht durch weltliche Gesetze begrenzt werden!
Soweit die Kurzversion der Botschaft der Kopimisten, die Kirche für deren Mitglieder Information heilig ist und das Kopieren ihr Sakrament.
Nach einigen Anläufen ist der Kopimismus jetzt anerkannte Religion in Schweden und genießt damit im Prinzip dieselben Privilegien wie andere Glaubensrichtungen. Bis sich einmal jemand vor Gericht darauf beruft, handelt es sich dabei vor allem um gelungenes Trollen – von Religion sowie von Urheberrechtsverbänden, die auf immer restriktivere Gesetze gegen “illegales” Tauschen von Information drängen.
Nachtrag 120105: Jetzt hat auch die ZEIT was dazu.
Die Julkalender, also die Weihnachtskalender des schwedischen Fernsehens und Radios, sind nach wie vor eine Institution. Heuer gibt es zusätzlich einen Mini-Kalender für all jene, die mit der überzuckerten Weihnachtsgemütlichkeit nicht so viel anfangen können: Rim & Reson, was sich naheliegend mit Reim & Räson übersetzen lässt, animiert einzelne Comics von bekannten schwedischen Zeichnern zu sehr kurzen Sequenzen. Assar, Rocky, die bitteren Figuren von Nina Hemmingsson und die Collagen von Jan Stenmark sind mit dabei. Sehr schön gelöst finde ich, dass die Figuren auch im neuen Format nicht reden, sondern weiterhin Sprechblasen zu unverständlichem Gemurmel von sich geben. Siehe auch DNs Rezension.
Ich weiss, dass man Videos auf SVTPlay nicht immer aus dem Ausland ansehen kann. Da Rim & Reson eine Eigenproduktion ist, sollte es jedoch funktionieren. Bei der Gelegenheit sei auch auf das Progrämmchen svtget hingewiesen, das es einfacher macht, Videos von SVTPlay herunterzuladen.
Frohe Feiertage allerseits!
Es ist ziemlich absurd, dass in Norwegen, dem reichsten Land Europas (der Welt?), zu Weihnachten die Butter ausgeht. Ursachen scheinen erhöhter Bedarf – mehr Fett und weniger Kohlehydrate sind im Trend, auch in Schweden – und schlechte Planung beim norwegischen Quasimonopolisten zu sein. Außerdem nimmt sich Norwegen als Nicht-EU-Land die Freiheit, die eigene Landwirtschaft mit Zöllen auf Importe zu schützen, was den Nachschub weiter erschwert.
Diese Zölle sind auch der Grund, warum jetzt tatsächlich Schweden im Nachbarland verhaftet werden, weil sie Butter schmuggeln. Bei über 30 Euro pro Pfund ist das lukrativ. Wenigstens können Schweden jetzt schadenfroh sein und einen gewissen Ausgleich dafür verspüren, dass sie dem Nachbarn und ehemaliger “Provinz” heute wirtschaftlich unterlegen sind und nicht selten für die einfacheren Arbeiten dort herangezogen werden, die kein Norweger mehr machen will. Immerhin hat man hier ordentliches Weihnachtsgebäck.
Wer die neue Flugverbindung Oslo – Karlstad nutzt, bekommt jetzt ein Kilo Butter geschenkt.
Nachtrag: Jetzt auch auf tagesschau.de
(irgendwie auch via fefe )