Veraltete Wahlauszählung

Obwohl die Wahllokale am Sonntag nach Schließung ihre vollständigen Auszählungen zur Wahlbehörde melden werden, kann das amtliche Endergebnis bis Mittwoch auf sich warten lassen. Der Grund dafür ist, dass das zentrale Auszählungssystem nur die Parteien sofort analysieren kann, die jetzt schon im Parlament vertreten sind, und somit die kleinen Parteien vorerst ignoriert werden.

Mir fällt kein technischer Grund für diese Einschränkung ein. Sollten Behörden etwa auch im hochtechnisierten Schweden mit veralteten Werkzeugen arbeiten?

Nachtrag: Wie die Platzvergabe genau abläuft kann man bei The Local (E) nachlesen. Kurz gesagt: Es ist ein Verhältniswahlrecht mit nur einer Stimme, die primär die Partei bestimmt und auch Präferenzen für einzelne Kanditaten zulässt, aber keine Überhangmandate wie in Deutschland. Es gibt eine 4%-Sperre; eine Partei kann dennoch ins Parlament einziehen, wenn sie lokal viele Stimmen bekommt, aber schwedenweit darunter bleibt.

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Kurz vor der Wahl

Ein paar kurze Punkte zur schwedischen Parlamentswahl am Sonntag:

  • Das TV-Duell der Parteichefs von Sozialdemokraten und Moderaten hatte keinen klaren Gewinner (E) und die Umfragen sehen weiterhin keinen der beiden Blöcke abgeschlagen. Der Ausgang ist also offen.
  • Der Skandal um den Einbruch der liberalen Folkpartiet im Computernetz der Sozialdemokraten wird mit immer neuen Details am Leben gehalten. Die Liberalen wollten die Schuld auf einen Journalisten abschieben, der diese aber der Lüge bezichtigt. Ausserdem wussten die Sozialdemokraten möglicherweise schon langer davon, haben es aber erst jetzt zum richtigen Zeitpunkt an die große Glocke gehängt. Großes Kino.
  • Überraschenderweise kommt auch das Thema Piratebay wieder auf die Tagesordnung. Nach der Beschlagnahmung der Server Ende Mai wurde vom Innenministerium bestritten, dass Druck aus den USA ein entscheidender Faktor war, und es wurde versichert, dass alles zu diesem Thema offengelegt wird – schließlich gibt es das Öffentlichkeitzprinzip. Das ist nicht passiert und Innenminister Bodström kommt unter Druck. Gleichzeitig zeigt er sich bereit, das vor einem Jahr verabschiedete Verbot des Dateitauschens wieder abzuschwächen (S).
  • Die [Piratenpartei](http://www.piratpartiet.se) (S) steht laut Umfragen bei einem, wie ich finde beachtlichen, Prozentpunkt, erwartet nach eigenen Angaben aber, die 4%-Sperre zu überschreiten und in den *Riksdag* einzuziehen. Sie begründen das damit, dass viele junge Menschen, die keinen Festnetzanschluss mehr haben, [von den Umfragen ausgelassen werden](http://www.dn.se/DNet/jsp/polopoly.jsp?d=2390&a=571935&previousRenderType=6) (S, siehe auch [hier](http://www.tagesschau.de/aktuell/meldungen/0,,OID5900910_REF1,00.html) zu diesem generellen Problem). Nebenbei: Der [deutsche Spross der Piratenpartei](http://piratenpartei.de/) ist geboren.

    [Alle Artikel zur schwedischen Wahl am 17. September](http://www.fiket.de/tag/wahl2006).
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Die Rübe

Ich hatte zwar noch keine Zeit, die erste Ausgabe zu lesen, aber ein Onlinemagazin von Nichtschweden, die in Schweden leben und auf englisch schreiben, klingt interessant: The Turnip.

Übrigens: Ich bin gerade unterwegs und schreibe deshalb eher wenig hier. Ab nächster Woche wird es wieder mehr. :-)

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Unsauberer Wahlkampf

Der SR schreibt:

Wahlkampf in Schweden galt lange als relativ saubere Angelegenheit. Selbstzufrieden schüttelte man hier den Kopf, wenn wieder einmal von politischen Schlammschlachten in anderen Ländern zu hören war. Doch vor den Wahlen am 17. September ist das anders. Längst hat auch Schweden seine Skandale – der jüngste, nämlich umfassende Spitzelei gegen die regierenden Sozialdemokraten, wurde jetzt aufgedeckt.

Weiterlesen beim SR.

Nachtrag: Das Thema ist mittlerweise richtig groß geworden und hält sich in den schwedischen Medien. Es werden empörte Reden gehalten und es gab den ersten Rücktritt. Auch Tagesschau und Spiegel schreiben darüber, ich habe aber gerade keine Zeit, das alles zusammenzufassen. Der SR hat aber einen weiteren Artikel auf Deutsch.

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Schwedisches Fast Food: Max

![Max Logo](/pic/logo_max.gif)

Vorweg und damit mich keiner missversteht: Schnelles Essen ist eigentlich ein Unding und alles Negative, das man über McDonald’s und ähnliche Schnellgaststätten hört und liest, ist wohl eher wahr als falsch. Hin und wieder zieht es mich aber doch dorthin und dank des vielen Zuckers, Fettes und anderer glücklichmachender Stoffe genieße ich es dann sogar.

In Schweden gibt es zusätzlich zu den internationalen Platzhirschen auch eine einheimische Alternative: Max. Gerade hat am Marktplatz von Uppsala eine neue Filiale eröffnet. Das Essen dort wird auch von Hamburgern und Pommes dominiert, aber es gibt ein paar kleine Unterschiede:

  • Für Getränke bekommt man nur den Becher ausgehändigt, den man dann selbst am Automaten mit dem befüllt, was man möchte – mit oder ohne Eis. Ein Nachschank ist meines Wissens nicht inbegriffen, wird aber wohl stillschweigend toleriert.
  • Es gibt eine Kaffeestation, bei der man sich kostenlos bedienen kann – eine Reverenz an die schwedische Kaffeekultur.
  • Es gibt permanent mehr Beilagen zur Auswahl: Pommes, Möhrchen, Zwiebelringe, Kartoffelgratin …
  • Das ist sicher subjektiv, aber ich finde, das Essen ist besser. Das Brot ist weniger labberig. Die verschiedenen Teile eines Burgers sind geschmacklich unterscheidbar. Paradox veranlagte Menschen, die auf “gesundes Essen” wert legen, aber trotzdem in ein Schnellrestaurant gehen, finden fettarme und ballaststoffreiche Produkte, die mit dem recht bekannten [*Schlüsselloch*](http://www.slv.se/templates/SLV_Page____11290.aspx) (S) markiert sind.

    Max macht nur ein knappes Drittel des Umsatzes von McDonald’s, aber während letzterer erstmals Restaurants schließt und ansonsten stagniert, kann Max [20% Wachstum](http://www.thelocal.se/article.php?ID=4713&date=20060828) (E) aufweisen.
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Schwedischer Impfstoff gegen AIDS?

Gestern präsentierten (S) schwedische Forscher vom Karolinska Institutet in Stockholm ihre Pilotstudie eines Impfstoffes gegen HIV, den Erreger der Immunschwächekrankheit AIDS. Es handelt sich um einen genetischen Impfstoff, der bei 34 von 38 gesunden Testpersonen eine Immunreaktion hervorrief, inklusive der Produktion von Zellen, die HIV-infizierte Zellen abtöten. Das ist ein großer Schritt vorwärts, denn bisher kann man AIDS lediglich eindämmen, nicht heilen.

Ein Impfstoff, der das menschliche Immunsystem auf eine HIV-Attacke vorbereitet und dagegen schützt, ist nobelpreisverdächtig. Bis es soweit ist, werden aber noch einige Jahre ins Land ziehen, denn dieses vielversprechende Resultat ist lediglich der Anfang einer Reihe von Studien, die u.a. in Tansania fortgesetzt werden sollen. Man kann noch nicht einmal sicher sein, ob der Impfstoff wirklich vor einer Neuinfektion mit HIV schützt, oder “lediglich” die Auswirkungen von AIDS mildert.

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Haarlänge entscheidet

Ein Antidiskriminierungsgesetz, wie es europäische Richtlinien fordern und wie es in Deutschland gerade in Kraft getreten ist, gibt es in Schweden seit etwas mehr als einem Jahr. Unter anderem dürfen Frisöre ihre Preise jetzt nicht mehr nach Männern und Frauen unterscheiden. Die Folge? Die Preise richten sich (S) stattdessen nach der Haarlänge. Man mag das als lächerlichen Auswuchs und als staatliche oder europäische Regulierungswut sehen, aber wenn man kurz darüber nachdenkt, ist die neue Regelung doch in der Tat sinnvoller und gerechter.

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Schweden und die Religion

Gelegentlich habe ich ja schon über Religion und Kirchen in Schweden geschrieben und dabei behauptet, dass Schweden atheistischer und säkularer als viele andere Länder ist, darunter Deutschland. The Local hat eine lesenswerte Zusammenfassung (englisch) zu diesem Thema und es werden auch Zahlen genannt: 23% der Schweden glauben, dass es einen Gott gibt – ungläubiger sind in Europa nur die Tschechen und die Esten.

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Wort der Woche: Kräftskiva

![Krebse](/pic/kraftor.jpg) Krebse einer *Kräftskiva*.

Die zweite Augusthälfte ist in Schweden die Zeit der “Krebsfeste”, die sowohl im privaten Rahmen als auch größer und etwas offizieller stattfinden können. Kräftor sind Krebse, genauer gesagt Fluss- bzw. Signalkrebse, wie sie auch in den schwedischen Seen vorkommen. Das Wort skiva^1^ bedeutet eigentlich “Scheibe” (Brot, CD, etc.), ist aber auch die etwas veraltetete Bezeichnung für ein Festessen – deswegen kräftskiva. Die Saison beginnt immer noch mit der kräftpremiär am zweiten Augustmittwoch, auch wenn heutzutage der Fang der Krebse vor diesem Datum nicht mehr verboten ist.

Die Tiere werden bis zu 20cm groß und bekommen ihre rote Farbe erst beim Kochen. Der Dill im Kochwasser spielt eine wichtige geschmackliche Rolle. Man isst vor allem den Schwanz, die Klauen und, wenn man sorgfältig sein will und das Wohlschmeckende vom Rest unterscheiden kann, auch Teile des Rumpfes. Alles muss zuerst aus seiner harten Schale befreit werden, was ein wenig Übung erfordert oder zumindest jemanden, der es einmal vormacht. Es gibt auch spezielle kurze, kräftige^2^ Messer, die aber nicht wirklich notwendig sind.

Die Ausbeute an Essen pro Tier ist nicht gerade hoch und es braucht viele, um satt zu werden. Beilagen, meist nur Brot, spielen eine untergeordnete Rolle. Oft kauft man fertig gekochte Krebse, die mitsamt Sud in einer Schale tiefgefroren sind und nur noch aufgetaut werden müssen, oder allenfalls kurz aufgekocht.

Kräftskivor sind meist recht informell und gute Eisbrecher, denn abgesehen vom unabdingbaren Bier und snaps (Aquavit) ist es fast unmöglich zu vermeiden, dass einem beim Zerlegen und Essen der Krebse einmal etwas abrutscht, durch die Gegend fliegt oder dass man sein Gegenüber mit Wasserresten vollspritzt, die sich im Innern verbargen. Alberne Partyhüte gehören zu einer kräftskiva, auch zu den etwas formelleren, bei denen Leute Anzug tragen. Passende Dekoration sind Lampions mit Mondmotiv, denn der Augustmond (S) hat eine besonders romantische Bedeutung in Schweden. Zum einen steht er bei Vollmond recht nahe am Horizont, was ihn größer und rötlich erscheinen lässt, zum anderen ist jetzt die Zeit, in der es nachts wieder richtig dunkel wird, man wieder Sterne sieht und den Mond stärker wahrnimmt.

Die kräftsäsong ist eine angenehme Zeit, aber gleichzeitig der letzte Höhepunkt des Sommers. Eine gewisse Melancholie ist spürbar, dass der Sommer vorbei ist, der Herbst vor der Tür steht und dass es acht oder neun Monate dauern wird bis das Wetter es wieder erlaubt, mehr als nötig im Freien zu sein.

[1] Skiva spricht man schiwa oder chiwa mit “ch” wie in “Tuch”.
[2] Achtung, Wortspiel!

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