Ausländer in Schweden

Ich weiß garnicht wo ich anfangen soll, diesen Blog-Eintrag zu kommentieren, der vorgibt, in Schweden wäre Gewalt, die von Einwanderern ausgeht, außer Kontrolle. Hier meine wichtigsten Einwände:

  • Das Aftonbladet auf das sich bezogen wird, ist Sensationspresse wie die BILD-Zeitung, wenn nicht schlimmer.
  • Es werden, wie so oft in diesem Zusammenhang, Einzelfälle zum Anlass für Panikmache und Hetze genommen.
  • Nein, Schweden ist alles andere als auf dem Weg, das “Bosnien Nordeuropas” zu werden. Die Ausländerquote ist hier genauso stabil wie in Deutschland, wenn ich mich recht erinnere sogar etwas niedriger.
  • Selbst wenn die Kriminalitätsrate bei Einwanderern höher ist, gibt es Gesetze und den Rechtstaat, das zu regeln. Dieser funktioniert und es gibt keinerlei Grund für Panikmache und Hetze wie im verlinkten Artikel.
  • Im Gegenteil: Es sollte nach den Ursachen gesucht werden. Schweden hat eine härtere Einwandererpolitik als Deutschland und wird zurecht zuweilen dafür kritisiert.

    Einen sehr guten Artikel zum Thema, wie der Westen islamischem Faschismus begegnen sollte, hat [Josef Joffe neulich verfasst](http://www.zeit.de/2006/09/Symmetrie?page=all). Kerngedanke ist, dass wir uns davor hüten sollten, mit den gleichen Mitteln zu agieren, wie die Gegner der offenen Gesellschaft, nämlich grobe Verallgemeinerung und Kollektivhaftung. Lesen!
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Boykottiert Schweden die Fußball-WM?

Der Gleichberechtigungsbeauftragte hier in Schweden hat vorgeschlagen, dass Schweden die Fußball-Weltmeisterschaft in Deutschland boykottieren soll, weil dort zu wenig gegen den erwarteten Anstieg an Frauenhandel und Zwangsprostitution getan wird.

Nun muß man zuerst wissen, dass es in Schweden verboten ist, Sex zu kaufen – es wird der Freier bestraft, nicht die Prostituierte. Schon Mitte März mahnten die Sozialisten im Europaparlament zu “Fair Play und Fair Sex” während der WM und warnten vor mehr Frauenhandel. In den deutschen Nachrichten, die ich verfolge, habe ich das Thema bisher nicht auftauchen sehen, hier wird es aber rege diskutiert und führte jetzt zu obigem Boykottaufruf.

Auch wenn es heftigen Widerstand und berechtigte Kritik an der Wirksamkeit der Idee gibt, scheint die Diskussion schon einen sehr guten Effekt zu haben: Das Thema schwappt in die deutschen Medien über. Da Fußball ja so wichtig ist, muß es ein echtes Problem sein, wenn ein Land deswegen über eine Absage nachdenkt.

Dass die Schweden sich darüber überhaupt Gedanken machen, zeigt vor allem eines: In Schweden ist die Gleichberechtigung um einiges weiter als in Deutschland. Ein paar Zahlen dazu: Der Anteil der Erwerbstätigen an der Gesamtbevölkerung liegt bei schwedischen Frauen nur 3% unter dem der Männer – in Deutschland über 10%. In Deutschland sind 8% der Professoren Frauen, in Schweden doppelt so viele. (Quelle)

Ich fände es toll, wenn es dem kleinen Land, als das sich die Schweden gerne sehen, gelingen sollte, die Öffentlichkeit des großen Nachbarn in diesem Punkt wachzurütteln.

Für die des Schwedischen mächtigen: hier, hier, hier und hier gibt es mehr zum Thema.

Nachtrag: Auch die Frankfurter Rundschau berichtet darüber und es ist ein Thema in diversen blogs.

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Wort der Woche: Konungariket Sverige

“Konungariket Sverige” ist die offizielle Staatsbezeichnung Schwedens. Zunächst zur eigentlichen Wortbedeutung: “Konung”, oft auch verkürzt “kung”, bedeutet “König” und “riket” ist die bestimmte Form von “rike”, das “Reich”. Und weil “Sverige” nichts anderes als “Schweden” auf schwedisch ist, bedeutet “Konungariket Sverige” also ganz einfach “das Königreich Schweden”.

Doch halt! So einfach ist es nicht, denn “Sverige” selbst ist eine verschlissene Form von “Svearike”, also das “Svea-Reich”, welches sich auf vormittelalterliche Könige hier in Mittelschweden bezieht, welches noch heute “Svealand” genannt wird. Man kann also getrost vom “Königreich Svea-Reich” sprechen. Doppelt hält wohl besser.

Dass sich Schweden allerdings noch als Königreich bezeichnet, spielt in Wirklichkeit kaum eine Rolle. Der König hat nur rein repräsentative Aufgaben und darf sich nicht einmal zu politischen Themen äußern. Außerdem leidet er an Legasthenie und scheint ein Talent für Fettnäpfchen zu haben, was viele Schweden dazu veranlasst, die Überreste ihrer Monarchie zu belächeln. Die Aufmerksamkeit, die die hiesige Königsfamilie allerdings in der deutschen Klatschpresse erfährt, erzeugt gelegentlich Befremden.

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Die dummen Schweden

Obige Überschrift spiegelt natürlich keineswegs meine Meinung wieder, sondern ist angeblich ein deutsches Sprichwort. Ich habe das allerdings noch nie in Deutschland gehört, sondern ausschließlich und wiederholt hier in Schweden, wo man glaubt, dass dieses Sprichwort in Deutschland existiert. Oft wird es auch in der inkorrekten Form “Die dumme Schweden” gebraucht.

Angeblich spiegelt es einen leichten Minderwertigkeitskomplex wieder, den Schweden als kleines Land im Umgang mit dem Ausland hat. Wie dem auch sei, das Sprichwort tauchte ganz selbstverständlich in der Überschrift zu einem Zeitungsartikel über eine Studie auf, die Intelligenzquotienten zwischen Ländern vergleicht und in der Schweden den vierten Platz belegt:

Die dumme Schweden är inte så dumma ändå (übersetzt: “Die dummen Schweden sind doch nicht so dumm”).

Den Sinn und Methoden einer solchen Studie kann man sicherlich in Frage stellen, nicht nur weil sie die Deutschen auf Platz eins sieht. ;-)

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Wort der Woche: Flogstavrål

Flogsta
HochhäuserBei weitem nicht alle Schweden werden wissen, was der “Flogstavrål” ist. “Vrål” bedeutet “Schrei” und “Flogsta” (sprich: Fluhgsta) ist der Name des Stadtteils hier in Uppsala, in dem ich wohne. Also der Flogstaschrei? Genau! Und zwar hat das damit zu tun, dass Flogsta fast ausschließlich von Studenten bewohnt wird, seit am Anfang der 70er das Viertel mit hässlichen Hochhäusern (siehe Bild) hochgezogen wurde.

Noch während der 70er hat es sich eingebürgert, abends um Punkt 10 Uhr die Fenster aufzumachen und seinen Stress und seine Ängste in die Nacht zu schreien – soviel die Stimmbänder hergeben. Und es gibt diesen Schrei heute noch, manchmal kaum hörbar, manchmal auch richtig laut, besonders an Wochenenden und in der Klausurenzeit. Erst vor zwei Wochen wurde auf Initiative des Studentenradios ein (angeblich erfolgreicher) Rekordversuch (S) unternommen. Alternative Namen dieser netten Tradition sind “Tioskriket” (“der Zehn-Uhr-Schrei”) oder “Flogstaskriket”.

Zum Abschluss darf natürlich die Audioprobe nicht fehlen: [audio:http://www.fiket.de/audio/flogstaskriket.mp3]
(mp3 von hier).

Nachtrag 30. Nov 2006: Das Ganze als Video

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Heute ist Waffeltag

In Schweden ist heute Waffeltag, “Våffeldagen”, und es werden vielerorts die Waffeleisen hervorgeholt. Ein Blick in einen deutschen Kalender zeigt, dass heute auch “Mariä Verkündigung” ist, und die Vermutung, dass es da einen Zusammenhang gibt, ist in der Tat richtig. Denn eine alte Bezeichnung für diesen Tag ist “Vårfrudagen”, also in etwa “Tag unserer Frau”. Ein schlichtes Missverständnis oder Verschleifung hat dann aus dem “Vårfrudagen” den “Våffeldagen” gemacht (Quelle (S)).

Ein schönes Beispiel, wie christliche Traditionen in Schweden ihren religiösen Charakter verlieren und in den Alltag übergehen, in dem Religion im Allgemeinen eine sehr geringe Rolle spielt.

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Kein Surströmming mehr im Flieger

Surströmming ist eine eigenartige schwedische “Delikatesse”. Vielleicht erkläre ich es bei Gelegenheit genauer, aber im Prinzip handelt es sich um -verrottete- vergorene kleine Heringe und wenn man eine solche Dose aufmacht stinkt es bestialisch. Da einige Fluggesellschaften es verboten haben, Surströmming im Flugzeug bei sich zu haben (die Dose könnte ja lecken), wurde jetzt auch der Verkauf am Flughafen Stockholm/Arlanda eingestellt (S).

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Preis für schwedischen Mathematiker

Lennart Carleson hat heute den Abel-Preis bekommen, einen mit 740.000 Euro hochdotieren Preis für Mathematiker. Carleson war wohl lange Jahre hier in Uppsala tätig und hat viele mathematische Nachkommen hervorgebracht. Wer genau wissen will, wofür er ausgezeichnet wurde, kann es hier nachlesen.

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Botswanas König zu Besuch

Ich finde den Artikel gerade nicht mehr, aber heute morgen stand in der Zeitung, dass der König von Botswana zu Besuch in Schweden ist. Und da heute seine Flagge vor “unserem Haus” hing, gehe ich davon aus, dass er auch da vorbeikam – wahrscheinlich zusammen mit dem hiesigen König, denn Besucher rumführen ist so ziemlich das einzige, was er darf.

Seltsam ist, dass man weder in der Wikipedia, noch in der botswanischen Verfassung etwas zu diesem (angeblichen?) König findet. :-)

Update: Da lag ich falsch, denn es ist in Wirklichkeit der botswanische Präsident Festus Mogae zu Besuch.

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Schwedische Außenministerin tritt zurück

Laila Freivalds, die Nachfolgerin der ermordeten Anna Lindh, ist zurückgetreten, weil sie eben doch etwas davon wusste, dass eine schwedische Webseite geschlossen wurde, weil sie zu neuen Mohammed-Karikaturen aufrief und diese veröffentlichte. Ohne daraus jegliche Sympatie für die schwedischen ultrarechten Nationalisten, denen die Seite gehörte, abzuleiten, ist es nun einmal nicht Sache von Staatsdienern, ohne rechtliche Grundlage Veröffentlichungen zu zensieren. Mehr dazu auf tagesschau.de.

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