Das kommt wohl nicht alle Tage vor. Eine Schlüsselfigur im Kampf der schwedischen Polizei gegen das organisierte Verbrechen kündigt und kauft einen Sex-Club (E) in Stockholm, dem enge Verbindungen zur Unterwelt nachgesagt werden. Sein Insider-Wissen, das sich auf Undercover-Polizisten auch außerhalb Schwedens erstreckt und alle diesbezüglichen Aktivitäten der Stockholmer Polizei beinhaltet, könnte in den falschen Händen sehr negative Auswirkungen haben und auch Menschenleben gefährden.
Aus oben verlinktem Artikel:
Several independent sources explained to Dagens Nyheter that the former policeman has been hired by a 45-year-old criminal as an assistant and a front.
The 45-year-old has long been connected with the sex club in question, and has also been sentenced to imprisonment for his involvement in other clubs.
He is regarded by many as a leading criminal figure with an extensive web of contacts.
“Nobody believes that the policemen really is the new owner. It is still the 45-year-old who is behind it,” said a source.
Ich wurde angesprochen, ob ich mein Interesse, über Schweden zu schreiben, nicht mit meiner Skepsis gegen Religionen verbinden und eine Kolumne für den neulich eröffneten Humanistischen Pressedienst (HPD) schreiben wolle. Wer könnte da Nein sagen?
Hier also die erste Ausgabe von “Notizen aus Schweden” beim HPD:

Einkommensauskunft per Internet.
In Schweden gilt das Öffentlichkeitsprinzip, das heißt, dass die
Unterlagen von Behörden im Allgemeinen von jedermann einsehbar sind. Das
gilt auch für die Steuererklärungen aller Schweden. Eine neue Seite im
Internet vereinfacht das Auffinden solcher
Informationen. Es ist also möglich, das Einkommen und die Schulden eines
jeden Schweden im Internet zu erfragen. Der Ansturm auf die Seite kurz
nach ihrer Eröffnung war sehr
groß.
Die Kirche in Schweden
Die evangelisch-lutherische Kirche Schwedens war seit Jahrhunderten
Staatskirche. Bis 1860 war ein Austritt unmöglich und erst seit 1951
kann man nicht nur in eine andere Religionsgemeinschaft wechseln,
sondern ganz austreten. Noch bis 1996 wurde jeder Schwede von Geburt an
Mitglied der Kirche, seitdem ist die Taufe ausschlaggebend. Erst vor
sieben Jahren wurde der Status der Staatskirche aufgehoben und die
Trennung der schwedischen Kirche vom Staat vollzogen.
Trotz dieser vermeintlich späten Säkularisierung ist Schweden eines der ungläubigsten Länder der Welt. Nur 23 Prozent der Bevölkerung geben an, an einen Gott zu glauben – Platz drei in Europa hinter Estland und der Tschechischen Republik.
Als Relikt aus der Zeit der automatischen Mitgliedschaft sind noch 7 der 9 Millionen Schweden Mitglied der Kirche, 65.000 treten pro Jahr aus. Zwei Drittel aller Neugeborenen werden heutzutage getauft, jedoch nur gut die Hälfte davon wird konfirmiert. 50 Prozent aller Eheschließungen finden in der Kirche statt und laut Umfragen ist der traditionelle Aspekt für Schweden oft ein wichtigerer Grund, in der Kirche zu bleiben, als der Glaube an Gott.
Im schwedischen Alltag und in der Politik spielt Religion eine geringe Rolle. Schweden ist ein säkular-rational eingestelltes Land und wird in einer Studie des Wissenschaftszentrum Berlin für Sozialforschung als Vorreiter der kulturellen Entwicklung gesehen.
Von "Mariä Verkündigung" zum Waffeltag
Ein Beispiel, wie christliche Traditionen in Schweden ihren religiösen
Charakter verlieren und in den säkularen Alltag übergehen, ist der
Waffeltag. Durch die sprachliche Ähnlichkeit des alten Namens des
christlichen Feiertages (vårfrudagen, "Tag unserer Frau") mit
"Waffeltag" (våffeldagen) ging der Übergang vonstatten, so dass man
heute lieber Waffeln isst, anstatt religiösen Praktiken nachzugehen.
Kirchliche "Hochzeit" für Homosexuelle
Die Akzeptanz und Gleichberechtigung von Homosexuellen ist in Schweden
weit fortgeschritten und gleichgeschlechtliche Partnerschaften sind
rechtlich emanzipiert. Sogar die schwedische Kirche hat sich mit diesem
Gedanken angefreundet, und erteilt seit Kurzem den Segen für
homosexuelle
Paare.
Schwulenfeindliche Äußerungen von Tradionalisten, auch innerhalb der
Kirche, schaffen es nur noch gelegentlich in die Medien und werden dort
hart kritisiert.
Björn Ulvaeus erhält Humanismuspreis
Der Musiker Björn Ulvaeus, bekannt durch die Pop-Gruppe ABBA, ist
aktiver Autor und Religionskritiker. Der schwedische Verband der
Humanisten hat ihm wegen seines Engagements für eine humanistische Basis
der Gesellschaft den Hedeniuspreis
2006 verliehen.
Abgetriebene Embryonen beerdigen?
Abtreibung bis zur 18. Schwangerschaftswoche ist in Schweden erlaubt
und steht alleine im Ermessen der Frau. Die Kirche sieht Seelsorgebedarf
in solchen Situationen und plant deshalb, bald Beerdigungszeremonien für
abgetriebene Föten anzubieten.
Kritiker befürchten jedoch, dass dies zu einer Aufwertung von Embryonen
führt, was wiederum Abtreibungskritikern Argumentationshilfen liefern
könnte.
Scientology betreibt Vorschule
In Schweden sind nicht-staatliche Schulen erlaubt. Diese so genannten
"freien Schulen" werden nicht selten von religiösen Organisationen
betrieben und unterliegen staatlicher Kontrolle. Als Extrembeispiel kann
sicherlich ein Kindergarten in Stockholm gelten, der von Scientology
betrieben wird. Kritik richtet sich vor allem dagegen, dass das
Menschenbild und die Ziele der Organisation nicht mit einer offenen und
modernen Gesellschaft vereinbar sind. Der Kindergarten sei ein Versuch,
sich als "normal" zu etablieren. Bei muslimischen Schulen werden offen
die Gefahren der Ausgrenzung und des Extremismus
diskutiert.
Noll-Åtta sind die Zahlen 0 und 8. Die Verbindung dieser beiden Zahlen hat in Schweden insofern eine besondere Bedeutung, als dass sie die Telefonvorwahl von Stockholm ausmachen.
Und da der Rest des Landes die Hauptstädter oft mit ironischer Geringschätzung versieht, werden Stockholmer leicht abfällig Noll-Åttor genannt.
Zugegeben, das Wort geht einem nicht leicht über die Lippen. Pippi Langstrumpfs Vater wird nun einmal aber in den Büchern von Astrid Lindgren so bezeichnet. Soll man das Wort wegen seines vermeintlich rassistischen Beigeschmacks durch etwas Neutrales wie “König der Südsee” ersetzen, wie es jetzt in Norwegen getan wird?
Ich finde nicht. Schließlich muss man Autoren und ihre Bücher generell in ihre Zeit einordnen und bei Bedarf auch kritisch bewerten. Meines Wissens war Astrid Lindgren durchaus skeptisch^1^, was Ausländer in Schweden angeht. Davon abgesehen wäre es nicht nur ein undurchführbares, sondern auch unglaublich dummes Unterfangen, Bücher auf ihre politische Korrektheit hin zu korrigieren.
^1^Ich habe die Quelle dazu leider nicht mehr parat – vielleicht weiß ja einer der Leser mehr zu diesem Thema und kommentiert.
John Mather, diesjähriger Physiknobelpreisträger, bei seinem Vortrag in Uppsala am 13. Dezember. Im Hintergrund ist George Smoot zu sehen, mit dem Mather sich den Preis teilt und der nach ihm redete. Mehr Bilder der beiden hier.
Der Jugendverband der schwedischen Sozialdemokraten (SSU) ist die größte politische Jugendvereinigung im Land und dient vielen als Sprungbrett in die “richtige” Politik. Die bisherige Vorsitzende des SSU, die 30-jährige Anna Sjödin, war das ganze Jahr in den Medien, weil sie im Januar in betrunkenem Zustand in Streit mit dem Rausschmeißer einer Stockholmer Bar geriet und ihn dabei tätlich angegriffen und mit rassistischen Äußerungen beleidigt haben soll.
Sie selbst streitet das ab und versucht, sich selbst als Opfer darzustellen. Das Gericht folgte jedoch nicht ihr, sondern den zahlreichen Zeugen, die die Version des Wächters bestätigten. Essprach sie im Oktober in allen Punkten schuldig und verurteilte sie zu einer Geldstrafe von umgerechnet 4000 Euro und zur Zahlung von 600 Euro Schmerzensgeld. Sjödin sah sich wieder als Opfer einer Hetzkampagne und Justizirrtums und “verlor ihr Vertrauen die schwedische Justiz”.
Sie legte Revision ein. Am Dienstag dieser Woche wurde diese jedoch abgelehnt und das Urteil ist rechtskräftig. Jetzt endlich wurde der Druck der lokalen Unterverbände so groß, dass Anna Sjödin zurücktrat (S). Sie hat dazu einen – meiner Meinung nach recht armseligen^1^ – Leserbrief geschrieben, in dem sie ihre Opferrolle wiederholt, eigene Verdienste aufzählt und behauptet, ohnehin nie SSU-Vorsitzende sein zu wollen.
^1^Ich hätte an dieser Stelle fast vergessen, dass das deutsche Wort “pathetisch” etwas ganz anderes bedeutet als das englische “pathetic” und das schwedische “patetisk” und damit hier völlig fehl am Platz wäre.
Was tut man, um die Anzahl umweltfreundlicher Autos zu erhöhen? Steuererleichterungen, klar. Zum Beispiel sind als “Umweltautos” klassifizierte Fahrzeuge von der City-Maut in Stockholm befreit. Das sind oft Hybridautos, die sowohl mit Gas als auch Benzin fahren können. Welche Alternative der Halter dann im Alltag wählt, spielt dabei sinnloserweise keine Rolle.
Und was, wenn man noch mehr Umweltautos will und die Stadt Stockholm ihre eigene Flotte ganz aus solchen zusammensetzen will? Man ändert die Definition (S), was ein Umweltauto ist, so dass auch reine Benzinautos das Siegel des guten Gewissens bekommen können. Was dann allerdings die Maut, die ja den Verkehr verringern soll, noch bringt, bleibt offen.
Auch in anderen Bereichen streicht die neue Regierung Gelder für Umweltprojekte zusammen, vor allem auf Kommunalebene. Hier in Uppsala (S) ersetzt man aus Kostengründen “grünen” Strom durch herkömmlichen, Wärmekraftwerke müssen nicht mehr mit Biobrennstoff betrieben werden und die Zielsetzungen zur Emissionsverringerung wurden von 20% auf 4% zurückgeschraubt.
Kritik an dieser Politik kommt nicht nur von der Opposition (S), sondern auch aus den eigenen Reihen (S).
Sucht man bei Google nach swedish flag dann bekommt man eine Flagge mit gelbem Hakenkreuz auf blauem Grund angezeigt:

Das lässt sich natürlich recht einfach erklären, indem sich in Erinnerung ruft, wie Google funktioniert. Populäre und viel verlinkte Seiten werden in der Rangfolge höher bewertet und man kann getrost davon ausgehen, dass die Seiten der BBC zu den hochrangigsten gehören. Ein Artikel der BBC von 1999 befasst sich mit der gemeinsamen Warnung schwedischer Zeitungen vor dem aufkommenden Rechtsradikalismus und hat eben diese Flagge als Illustration mit der Bildunterschrift: “The Swedish flag’s colours are used by some extreme-right groups”.
Auch wenn es deshalb für Computer sinnvoll erscheint, dieses Bild bei einer Suche nach der schwedischen Flagge anzuzeigen, ist dies sicher nicht gewollt und ich kann mir durchaus vorstellen, dass dieser Lapsus von Hand bei Google behoben wird.
Nachtrag 20. Dez: In der Tat wird mittlerweile ein anderes Bild angezeigt.
Es wurde schon kurz erwähnt: Am 13. Dezember wird in Schweden Lucia gefeiert. Das Luciafest ist eines der wenigen christlichen Heiligenfeste in Schweden. Es geht um die sizilianische frühchristliche Lucia von Syrakus.
Was es genau mit dem Fest auf sich hat und was man so alles tut, weiß der Wikipedia-Artikel zum Thema besser als ich. Es hat mit Mädchen in weißen Gewändern und Kerzen auf dem Kopf zu tun.
Die für die Vorweihnachtszeit typische Leckerei sind Lussekatter, also “Lucia-Katzen”. Das ist ein Hefegebäck mit Safran, zu dem man am besten Glühwein (oder die schwedische Variante glögg) trinkt. Warum sie “Katzen” genannt werden, konnte ich auf die Schnelle nicht ausfindig machen.
Nach dem Klick gibt es ein Rezept für Lussekatter und ein Bild mit Nobelpreisträger Smoot und “seinem” Lucia-Umzug (Luciatåg).
Rezept für Lussekatter
50g frische Hefe
1 Ei
1.5-2 dl Zucker
175g Butter
5 dl Milch
1g Safranfäden, gemörsert
1 Prise Salz
Genug Mehl, 10-15 dl, siehe unten.
Rosinen
Ei, Zucker und die Hefe (zerbröselt) in eine große Schüssel geben und sich auflösen lassen, etwas umrühren. Die Butter in einem Topf schmelzen, die Milch dazugeben und auf Körpertemperatur erwärmen (so dass man nicht merkt, wenn man seinen Finger hineinhält). Diese Milch-Butter-Mischung in die Schüssel mit dem Rest geben und den Safran und das Salz dazu. Dann nur noch mit Mehl auffüllen und rühren, bis der Teig nicht mehr klebt und sich von der Schüsselwand ablöst.
Eine halbe Stunde gehen lassen. Den Teig in handgroße Stücke teilen (bei obiger Menge etwa 25 Stück), per Hand in dicke Schlangenform rollen und diese dann von beiden Seiten spiralförmig aufrollen, so dass die typische S-Form entsteht (siehe Bild). In die Mitte der beiden Spiralen drückt man je eine Rosine. Mit noch einem zerrührten Ei bepinseln und dann nur noch auf einem Blech bei gut 200 Grad backen.
Nach 5-10 Minuten, wenn sie goldbraun sind, aus dem Ofen nehmen und abkühlen lassen. Wenn man nicht alle gleich isst, friert man die übrigen am besten gleich frisch ein, denn sie werden sonst recht schnell trocken. Aus der Mikrowelle aufgetaut und leicht warm schmecken sie fast wie frisch.

Diesjähriger Physiknobelpreisträger Smoot bei seinem
Vortrag heute in Uppsala. Im Hintergrund sieht man ein Bild vom
Luciatåg, mit dem die Preisträger traditionell am 13. geweckt werden:

Mehr Bilder von Mather und Smoot später…